Supernova Motorcity

Vom Dorf zur Stadt und zurück!

Ein Dorf.
Unbedeutend
Bis 1859 ein 22-jähriger Rüsselsheimer nach Paris ging und zurück kam.
Letzters ist heute undenkbar.
Im Kuhstall seines Onkels begann er Nähmaschinen zu bauen.
Industrialisierung.
Die Stadt explodiert.
Weltgrößte Fahrradproduktion.
Autos.
GM kauft das Werk.
Im Weltkrieg ist man kriegswichtig und wird sogar bombardiert.
Wiederaufbau.
Wirtschaftswunder.
Vollbeschäftigung.
Opel ist Marktführer.
Babyboom.
Diplomat V8, Commodore, Manta, Ascona, Kadett.
Die Steuereinnahmen sprudeln.
Rüsselsheim gehört zu den reichsten Städten der Republik.
Man baut.
Schwimmbäder, Kirchen, Sporthallen, Schulen, Einkaufszentren, Fußgängerzonen, Wohngebiete.
Rüsselsheim wird so schnell zusammengebaut wie ein Auto.
Alles zugeschnitten auf das Werk.
Man sieht die Spuren dieser Planung noch heute im ganzen Stadtbild.

Ölkrise, Globalisierung, Produktionsverlagerungen, Entlassungen.
Ende der Goldgräberstimmung.
Seit 1999 schreibt die Firma Verluste. 1 Millionen Euro täglich.
Tschüss Gewerbesteuer. 
Mittlerweile ist die Firma an PSA verkauft und schreibt täglich 4 Millionen Euro Verlust. Stand September 2017.
Das Werk nutzt nur noch 20% seiner Fläche und Arbeiter.

Einst steuertechnisch die reichste Stadt der Republik, teilt Rüsselsheim seit Jahren das Schicksal der sie prägenden Firma - man ist im Rückwärtsgang unterwegs - und das mit Vollgas.
Die aufgeblähte Infrastruktur entbehrt realer Nachfrage, zu den für das Jahr 2000 prognostizierten 100.000 Einwohner fehlen immer noch 40.000.
Schwimmbäder, Firmen und Geschäfte schließen.
Die architektonische Hülle kann nicht so schnell schrumpfen wie das Leben in ihr.

Hier haben wir 1999 angefangen das M55 zu machen.

Wegen uns mussten Bürgermeister gehen, Kulturamtsleiter wurden geschasst und ganze Kulturämter aufgelöst.
Als geistiger Brandstifter tituliert, aus Veranstaltungen geworfen und mit Unterlassungsklagen, Prozessen und Hausdurchsuchungen bedacht hat das M55 einen Namen über die Stadtgrenzen hinaus.
Gleichzeitig hat es mehr Stadtmarketing umgesetzt, als alle städtischen Institutionen zusammen.
Rüsselsheim war spannend, voller historischer Widersprüchen und Heimat einer lebendigen Kulturszene.
Doch andauerner Braindrain hat die Stadt gezeichnet.
Heute machen die inkompetenten Versuchen der Entwicklung entgegenzusteuern, sie höchstens noch zu einem Studienobjekt
Der Prototyp einer Stadt, die stets der Umstrukturierung hinterherhinkt.
Hessentag.